Rückfall
Was ist ein Rückfall?

Von Rückfall kann man nur reden, wenn jemand vorher Erfolg darin hatte, ein ungewolltes Verhalten zu verändern. Als rückfällig bezeichnet man Personen, die trotz des Vorsatzes zur Abstinenz wieder mit der Einnahme des Suchtmittels beginnen.

Die meisten Rückfälle ereignen sich innerhalb des ersten Jahres nach einer Behandlung und davon wieder der größte Teil bereits im ersten Vierteljahr. Die häufigsten Anlässe für Rückfälle sind nicht Überredung, Streit oder Zweifel an der Schwäche gegenüber dem Suchtmittel, sondern unangenehme Gefühle: Ärger, Einsamkeit, Niedergelschlagenheit, Angst, Gereiztheit, Gekränktsein, unerklärliche Stimmungsschwankungen, Gefühle der Sinnlosigkeit und Leere, Anspannung und Nervosität.

Die Rückfälle geschehen nicht zum größten Teil auf Festen oder in Lokalitäten, sondern zu Hause.


Der Rückfall beginnt im Kopf meist schon lange vor dem Tun!

Wenn sich ein Süchtiger in dem ersten "Höhenrausch" der Abstinenz zuviel vornimmt, dann wird die Umsetzung schwierig und es entsteht eine Unzufriedenheit mit sich selbst. Wird diese Unzufriedenheit dann zum Dauerzustand, entsteht daraus bald das Verlangen nach Erleichterung:

Im Bewußtsein des Betroffenen bildet sich der Eindruck, daß sich die Abstinenz eben doch nicht "lohnt". Hinzu kommt, daß Abhängige, denen Anerkennung von außen sehr wichtig ist, diese nur anfangs für die abstinente Lebensführung erhalten. Mit der Zeit wird diese Lebensführung für die anderen selbstverständlich, so daß niemand mehr den Betroffenen dafür lobt oder ihm Anerkennung zollt, was ihn enttäuschen mag.

Das Ausmaß und die Wucht des Rückfalls werden außerdem oft noch davon mitbestimmt, wie lange der Betroffene abstinent gelebt hat und was er damit verbindet. Es scheint, daß Schuld, Scham und Selbstverachtung wegen der Rückfälligkeit umso größer sind, je länger die Abstinenz schon dauert.

Wer nicht Tag für Tag abstinent lebt, sondern die Abstinenztage wie einen Berg Geld auftürmt, der verliert natürlich besonders viel, wenn er mit einem Rückfall alles "Ersparte" in einem großen Loch verschwinden sieht:

Mit einem einzigen Glas ist man kein Abstinenter mehr! Man ändert schlagartig seine Identität von abstinent in rückfällig, so daß es dann schon völlig egal ist, wieviel man trinkt. Und jeder Alkoholiker weiß, das Selbstvorwürfe und Schamgefühle zwar nicht verschwinden, wenn man trinkt, daß sie aber doch irgendwie erträglicher werden.

Wer sich also selbst mit übersteigerten Selbstvorwürfen überschüttet, entlastet dadurch zwar sein Gewissen in bestimmter Weise, aber er verschlimmert eventuell eher noch den Rückfall.

Bleibt also die Frage:


Was kann man tun bei einem Rückfall?

Die einfachste Regel ist, an die bereits erzielten Erfolge der Vergangenheit anzuknüpfen und wieder das zu tun, was einen schon abstinent leben ließ. Wenn "das Kind in den Brunnen gefallen ist", fällt dies manchen schwer. Aber ein Neuanfang ist bei weitem nicht so hoffnungslos, wie es oft scheint.

Auch wenn man sich den Rückfall nicht gleich erklären kann und meint, "es sei halt so über einen gekommen", gibt es Gründe dafür. Wenn sie diese Vorgänge nicht durchschauen, werden sie sich vielleicht hilflos fühlen und eventuell die Kontrolle ganz aufgeben. Diese Hilflosigkeit ist grundlos, wenn sie den Anfang des roten Fadens und womöglich einen verborgenen Sinn des Rückfalls finden.

Der Keim liegt oft in ihrem Lebensstil und den damit verbundenen Erwartungen an sich, an andere und das Leben.

Wenn sie Alkohol getrunken haben und damit nicht einverstanden sind, sagen sie sich:"Ich höre jetzt sofort auf mit dem Trinken und nehme mir Zeit, folgende Dinge zu überdenken:
  • Daß ich jetzt was getrunken habe, heißt nicht, daß ich völlig versagt habe und das ich nun die Kontrolle über mein Trinken für alle Zeit verlieren muß. Aber in jedem Fall bringe ich mich jetzt erstmal in Sicherheit, soweit weg wie möglich von allen Rückfallauslösern.

  • Ich habe gegen meinen Vorsatz zur Abstinenz verstoßen und fühle mich schuldig, denn ich habe anders gehandelt, als ich es im tiefsten Inneren als richtig erkenne. (Können sie diesen Satz ehrlichen Herzens so aussprechen?)

  • Das Gefühl der Schuld oder der Scham ist kein Grund weiter zu trinken. HEUTE ist der erste Tag vom Rest meines Lebens.

  • Was kann ich jetzt daraus lernen? Woran lag es, das ich getrunken habe? Was könnte ich, vielleicht unbewußt, vom Trinken erwartet haben? Wozu könnte ich das Trinken gerade jetzt gebraucht haben? Welche ungelöste Aufgabe wird dadurch deutlich? Welche hinausgezögerte Entscheidung wird vielleicht jetzt noch dringlicher? Wie hätte ich mich anders verhalten können, damit es nicht zum Trinken gekommen wäre?

  • Kann ich mich JETZT so verhalten? Wenn nicht und wenn ich immer noch Schwierigkeiten habe, der Versuchung zu widerstehen, rufe ich jetzt sofort jemanden an. (evtl. jemand aus der Selbsthilfegruppe) Ich weiß, ein Glas heißt nicht, das ich weitertrinken muß! Ich kann jetzt noch aufhören. Dazu muß ich ehrlich und umsichtig sein, zum Beispiel nicht mehr alleine ausgehen die nächsten Tage.
In den meisten Fällen wird das erste Glas nicht aus Unachtsamkeit getrunken, sondern mit dem (unbewußten) Ziel sich zu berauschen. Das vorgebliche Ausprobierenwollen, ob man nicht doch kontrolliert trinken könne, ist ja meißtens nichts anderes als eine anfängliche Beruhigung des Gewissens, das den Suchtdruck überspielen soll.

Was ist ein Trockenrausch?

Der Ausdruck "Trockenrausch" bezeichnet in der Sprache der Anonymen Alkoholiker das Ausbleiben einer Wandlung im Verhalten das nicht mehr trinkenden Alkoholikers. Der Trockenrausch ist also kein wirklicher Rausch ohne Akohol, wie er etwa als "Flashback" bei anderen Drogen bekannt ist.

Der Trockenrausch ist eher ein Warnsignal für einen drohenden "nassen" Rausch.

Eine deutliche Kennzeichnung mancher Alkoholiker im Trockenrausch ist ihr großspuriges Benehmen. Diese Großspurigkeit äußert sich sehr oft in einem nicht einsichtsvollen und sich selbst überschätzendem Verhalten, das andere verletzt oder ihnen gar komisch erscheint. So jemand kann z. b. fortwährend auf Kosten anderer Eindruck schinden, seine Fähigkeiten überschätzen oder über seine Mittel leben.

Eng verbunden mit dieser Aufgeblasenheit ist die Neigung zu oft überflüssigen kleinen Lügen und Unehrlichkeiten.

Manchmal verbunden mit dem großspurigen Benehmen ist die Art, strenge und ungerechtfertigte Urteile zu haben. Da der Alkoholiker geneigt ist, mit sich selbst scharf ins Gericht zu gehen (besonders was sein Trinken betrifft), können andere das auch unangenehm zu fühlen bekommen. Die Neigung zu raschen Urteilen, die sich in einer starren Aufspaltung aller Dinge in entweder "gut, lieb" oder "schlecht, böse" äußern, hat meistens ihren Ursprung in einem tiefsitzenden Zweifel am eigenen Wert, manchmal gepaart mit einem fast zwanghaften Streben nach Perfektion.

Die wenig wirklichkeitsbezogenen Haltung, die der trockene Rausch meint, zeigt sich darüber hinaus in Ungeduld und Maßlosigkeit. Es ist typisch für manche Alkoholiker im "Trockenrausch", das sie sofortige Belohnung für ihr Bemühen und augenblickliche Erleichterung von ihren Belastungen und Schwierigkeiten erwarten. Anzeichen der Ungeduld sind Zorn oder Niedergeschlagenheit, wenn die gesuchte Erfüllung nicht schnell genug kommt, sowie Zeiten der Maßlosigkeit, zum Beispiel beim Essen oder beim Arbeiten.

Ein weiteres Merkmal ist das schnelle Beleidigtsein und Sich-ungerecht-behandelt-fühlen. Man reagiert tief verletzt, wenn jemand einen nicht wichtig nimmt, einmal barsch reagiert oder nicht beachtet. Alle Leute um einen solchen Alkoholiker bekommen sehr schnell Schuldgefühle, die oft in Ärger umschlagen.

Zusammenfassend läßt sich der "Trockenrausch" als ein Zustand kennzeichnen, in dem der Betroffene in sein früheres unangemessenes Verhalten und seine unreife Art, Lebensprobleme zu lösen, zurückfällt, ohne jedoch dabei Suchtmittel zu konsumieren. Der Betroffene ist lediglich trocken, hat aber von der Änderung ansonsten wenig profitiert.

Dem trockenen Rausch liegt fast immer zugrunde, das sich der Betreffende in seinem tiefsten Inneren nicht so akzeptieren kann, wie er ist. Eine Selbsthilfegruppe kann dieser Entwicklung vorbeugen oder sie günstig beeinflussen. Wenn dieser Zustand bestehen bleibt, ist eine ambulante Psychotherapie oder eine "Festigungsbehandlung" in einer Fachklinik dringend anzuraten.

Denn der Trockenrausch ist im Grunde nur ein anderes Wort für das ausbleiben der tiefgreifenden Änderung, die für ein langfristiges gelingendes Leben notwendig ist.