Teil 5

Schwanger- gerade 5 Monate nachdem mein Sohn geboren war- das war natürlich ein Hammer. Aber um es kurz zu machen: Wir entschieden uns auch für dieses Kind. Lukas sollte kein Einzelkind bleiben, darin waren wir uns einig. Das ein zweites Kind so schnell dazu kommt, war zwar nicht geplant, aber trotzdem freuten wir uns.

Tja, es ging wieder los- eine neue Wohnung mußte her. Wir wohnten zu der Zeit in einer 3 Zimmer Wohnung wovon ein Zimmer noch ein Durchgangszimmer war. Mit einem Baby war das nicht so schlimm- aber mit zwei Kindern nicht mehr möglich. Wir fanden ziemlich schnell etwas passendes und ich glaube so im Mai 1999 zogen wir dann um.

Auch diese Schwangerschaft verlief sehr gut- allerdings hatte ich ziemliche Angst vor dem, was auf uns zu kommt. Ob wir das alles schaffen würden. Es gab einen Zwischenfall während dieser zweiten Schwangerschaft- auf Grund einer erneuten Krise in unserer Beziehung. Ich schrieb ja schon, das ich sehr große Probleme mit Chris seiner Art hatte, seine Emotionen nicht zu zeigen. Das hatte sich nach wie vor nicht geändert. Ich habe immer gesagt: Du kommst mir vor wie ein Eisberg, den man anspringt und wo man direkt wieder abrutscht. Egal ob wir stritten oder ob es um das äußern von anderen Emotionen ging- es kam nichts von ihm rüber. Er war ein absoluter Kopfmensch der immer versucht hat, alle Dinge per Argumentation zu klären.

Ich war nun an dem Punkt, wo ich definitiv wissen wollte, ob mich der Mann, der nun bald der Vater meines zweiten Kindes wird,mich wirklich liebt. Also fragt ich ihn erneut. Und wieder kam nichts von ihm. Er sagt zwar nicht nein- aber auch nicht ja. Ich weiß noch das ich tieftraurig war. Es war schon abends und ich stieg ins Auto weil ich einfach raus mußte- ich hatte kein bestimmtes Ziel. Irgendwann hielt ich auf einer Brücke und stand dort oben und stellte mir vor, wie es wäre, dort einfach runterzuspringen. Ja- ich weiß was jetzt der eine oder andere von euch denkt: Ich war doch schwanger...

Das war mir auch bewußt. Ich dachte tatsächlich daran, mich und mein ungeborenes Kind zu töten- und dadurch endlich meinen ersehnten Frieden zu haben.

Nun- ich tat es nicht. Stattdessen telefonierte ich mit Karin und erzählte ihr alles- auch das es mir so absolut beschissen ging und den Gedanken nicht weiter ertragen könnte, mit einem Mann zusammen zu leben, der mich sowieso nicht liebt und nun noch ein zweites Kind von ihm zu bekommen. Wir unterhielten und sehr lange bis ich dann wieder nach Hause fuhr. In der Nacht schnippelte ich das erste Mal seit langer langer Zeit. Danach ging es mir zwar besser- aber ich fühlte mich trotzdem noch beschissen. Eine schwangere Frau die sich selbst verletzte- das darf nicht sein...

Am nächsten Tag kam Chris mit Blumen und einer Schachtel Pralinen zu mir- und ich wurde noch wütender. Ich sagte ihm das er diese Dinge behalten könne- das einzige was ich wollte war eine Antwort auf meine Frage oder aber eine Erklärung dafür, warum er nicht in der Lage ist, dieses zu äußern. Wir waren nun schon seit 3 Jahren zusammen, waren Eltern und er bekam es immer noch nicht hin- ich verstand das nicht.

Plötzlich kam er mit einer Begründung, warum er das nicht sagen könnte- und meinte er hätte mir das schon mal gesagt. Das ist- und das sage ich heute noch- absolut unwahr! Ich mache mir nicht umsonst Monat für Monat Gedanken um dieses Thema- und wenn er dieses schon mal erzählt hätte, wäre ich da anders mit umgegangen. Aber trotzdem konnte mich seine Begründung nicht zufriedenstellen. Kurz erklärt meinte er, dadurch das er einmal einer Frau sagte, das er sie liebt, waren diese Worte nun "vergeben". Es hatte damals nicht geklappt mit dieser Freundin und seitdem hat er es nicht wieder zu einer anderen gesagt. Peng- das saß. Für mich nicht nachzuvollziehen....aber OK- zumindest hatte ich jetzt eine Erklärung. Das machte die ganze Sache für mich aber auch nicht besser. Ich fühlte mich nach wie vor nicht wirklich geliebt, nicht wirklich wichtig.

Kurze Zeit später sagte er mir dann die magischen 3 Worte- mit der Begründung das jetzt anders zu sehen nach unserem Gespräch. Ich habe mich zwar gefreut, aber geglaubt habe ich es nicht mehr. Dafür war zuviel passiert was dieses Thema anbelangt. Ich hatte das Gefühl, das er sich das nun mir zuliebe rausquetscht- aber nicht weil er wirklich so fühlt. Also hatte ich im Grunde nichts gewonnen...

Im September war es dann soweit- unsere Tochter wurde geboren. Die Geburt war schnell und komplikationslos. Nach 3 Tagen waren wir dann zu Hause und nun eine 4 köpfige Familie. Chris hatte sich extra Urlaub genommen so das wir die ersten 3 oder 4 Wochen zusammen verbringen konnten. Lukas konnte am Tag der Geburt von Ronja laufen- er war da 13 Monate alt. Das war allerdings die einzige Erleichterung. 2 Kinder die gewickelt werden müssen, die gestillt bzw. gefüttert werden müssen, die im Kinderwagen geschoben werden müssen und die einen rund um die Uhr- auch Nachts- beanspruchen. Und dadurch, das ich Ronja ebenfalls stillte waren die Nächte auch immer sehr kurz. Eifersucht gab es nicht zwischen den Kindern- ich denke das war ein großer Vorteil auf Grund dessen, das sie so schnell nacheinander geboren wurden. Aber es war Stress pur. Nach 3 Monaten stillte ich ab, weil ich einfach nicht mehr konnte. Zum Glück hatte sie überhaupt keine Probleme mit der Umstellung und Chris konnte so auch gut die Rolle das "Fütternden" übernehmen.

Als Ronja so 4 Monate war, haben die Eltern von Chris uns einmal in der Woche- sofern es ging- beide Kinder abgenommen so das wir einen gemeinsamen freien Abend hatten. Das war wirklich supernett. Sie hatten das schon mit Lukas so gemacht und nun nahmen sie beide Kinder bei sich über Nacht auf, so das wir einmal die Woche etwas verschnaufen konnten. Andere Verwandte hatten wir nicht in der Umgebung. Das Jahr 2000 war ein sehr hartes Jahr. Natürlich drehte sich alles um unsere beiden Babies. Ronja hatte auch noch Probleme mit einer Fehlstellung der Wirbelsäule, so das ich einmal die Woche mit ihr morgens zur Krankengymnastik mußte. Und das über ein Jahr- mit einem riesigen Erfolg. Die Fehlstellung konnte behoben werden und heute ist sie absolut gesund.

Unsere Beziehung krankte allerdings immer mehr. Heute denke ich, das wir beide überfordert waren. Wir haben alles für unsere Kinder getan- aber hatten kaum noch Zeit und Atem für uns.

Und dann kam noch das leidige Thema Bett. Er wollte gerne- am liebsten jeden Tag. Ich wollte so gut wie nie, fühlte mich völlig ausgelaugt und alle. Und je mehr ich spürte, das er mich dazu bringen wollte, mit ihm zu schlafen, desto mehr machte ich dicht. Für ihn war es unbefriedigend, ständig abgewiesen zu werden, für mich war es unbefriedigend, ständig unter Druck gesetzt zu werden. Der alte Teufelskreis aus dem wir beide nicht rauskamen. So plätscherte also unsere Partnerschaft dahin. Wir waren glückliche Eltern und liebten unsere Kinder abgöttisch- aber wir waren unglückliche Partner.

Wieder suchte ich Hilfe bei einer Therapeutin- ich dachte das alles liegt an mir und wenn ich nur mehr "Lust" bekäme, wäre alles wieder gut. Und vielleicht könnte mir eine Therapeutin bei diesem speziellen Problem helfen...und so ging ich wieder regelmäßig zu einer Psychologin, von der ich die Lösung "meines" Problems erhoffte. Denn ich bekam ja in unserer Beziehung immer wieder suggeriert, das nur mit mir etwas nicht stimmte- und Chris meinte das sein Verhalten völlig normal war. Auch seine ständige und tägliche Lust auf Sex war für ihn normal- daher brauchte ich wohl die Hilfe und nicht er....

Aber den ersehnten Erfolg brachten die Gespräche ebenfalls nicht- man kann keine Lust erzwingen wenn keine vorhanden ist.

Für mich war klar, das ich raus wollte- wieder irgendwas anderes tun als nur Mutter zu sein. Daher hatte ich die Idee, wieder zu arbeiten. Meine Arbeit fehlte mir und der Kontakt zu meinen Kollegen. Wir fanden relativ schnell eine Lösung, so das Chris auf eine 3/4 Stelle reduzieren konnte und ich mit einer viertel Stelle Nachtwache anfing.

Im Frühjahr 2001 entdeckte ich dann Dinge, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte. Nur soviel: Chris suchte sich das, was er bei mir nicht fand, auf einem anderen Weg. Das war dann der endgültige Bruch. Der Vertrauensbruch war schlimm. Dabei kam raus, das das umschauen nach anderen Möglichkeiten schon im November 2000 angefangen hat. Und ich habe nichts bemerkt. Es war ein Tiefpunkt und als ob das nicht schon genug war, kam es im Spätsommer zu einem sexuellen Übergriff auf mich durch Chris. Diese Vergewaltigung hat mir wohl den Rest gegeben. Ich fing wieder an zu schneiden und rutschte immer tiefer in meine bis dahin schwerste Depression.

Von Chris wollte ich mich trennen- ich konnte mir nicht mehr vorstellen weiter mit ihm zu leben. Wir hatten eigentlich im Oktober einen gemeinsamen Urlaub geplant mit den Kindern und ein paar Leuten aus seinem Volleyballverein- und auch mit seinen Eltern. Ich sagte ab- und wünschte mir einfach nur noch Ruhe. Chris fuhr also alleine mit den Kindern- und ich war soweit, das ich einfach nur noch sterben wollte. Für mich war alles kaputt- meine Familie, die Liebe zu meinem Partner, das Vertrauen in eine Beziehung, mein Traum von einer glücklichen Zukunft. Dazu kam das das Gefühl von früher, das Gefühl des Mißbrauchs, mich nun ständig begleitete.

Zu der Zeit fing ich an, in den Suicidforen zu chatten. Parallel hatte ich auch Kontakt zu einer Psychaterin, die mir Antidepressiva verschrieb- die jedoch nicht angeschlagen haben. (Dazu schreibe ich ausführlich in "Meine Geschichte" unter "Depressionen") Chris war mit der Angst in den Urlaub gefahren, mich nicht mehr lebend wiederzusehen. Aber ich hatte ihm versprochen, das das nicht der Fall sein wird. Allerdings plante ich in dieser Zeit sehr sorgfältig. Ich habe kaum noch geschlafen, kaum mehr gegessen, war ständig am putzen und kam einfach nicht zur Ruhe. Dabei wünschte ich mir nichts anderes als Ruhe- endlich Ruhe.

Als ich Chris und meine Kinder dann 10 Tage später vom Flughafen abholte, freute ich mich nicht. Es war mir schon egal. Im November bat ich Chris, auszuziehen. Er fand relativ schnell ein kleines Apartement ganz in der Nähe und ich war dann mit den Kindern alleine in unserer Wohnung. Karin rief sehr oft an aber die Gespräche verliefen sehr einseitig. Sie machte sich große Sorgen und versuchte immer wieder an mich ranzukommen. Aber ich kam mir vor, als hätte ich eine dicke Mauer um mich herum gebaut. Ich nahm sie nicht ernst, lachte sie aus, verschloss mich immer mehr. Ich verletzte sie mit meinem Verhalten- und fand es noch nicht mal mehr schlimm.

Ansonsten funktionierte ich. Ich machte meine Arbeit, kümmerte mich um die Kinder und wenn Chris vorbeikam um mit den Kindern was zu unternehmen, putze ich wie eine Verrückte. Chris meinte nach wie vor, das er mich liebt und unsere Beziehung wieder zurück haben möchte- und diesmal war ich diejenige die damit nichts mehr anfangen konnte. Trotzdem sprachen wir über einen "Neuanfang". Das zog sich hin bis zum Februar. Ronja war inzwischen bei den Großeltern weil es mir immer schlechter ging. Das Chris weiterhin seine "Kontakte" zu anderen Frauen hatte fand er völlig OK und nicht widersprüchlich. Ich fand es absolut beschissen. Er sagt, das er mich liebt, unsere Familie zurückhaben möchte und hat parallel andere Frauen? War für mich nicht vereinbar. Konnte ich nicht ernst nehmen. Er begründete das damit, das wir ja "offiziel" getrennt wären. Wieder eine Kopfargumentation mit der ich nichts anfangen konnte, die aber typisch für ihn war. Für ihn war das trennbar- seine Liebe zu mir und der Sex mit anderen. Das das für mich keine Grundlage war, unsere Beziehung eine erneute Chance zu geben, war für ihn nicht nachvollziehbar. Im Grunde waren wir zu verschieden als das wir noch jemals eine Chance gehabt hätten. Das wurde mir immer klarer. Ich fühlte mich alleine, unnütz, erneut mißbraucht, fallengelassen, traurig und zeillos.

Dann kam der Abend des 16.02.02- und mein Abschied von dieser für mich damals so beschissenen Welt.
Dieses könnt ihr nachlesen in meiner Geschichte unter Depressionen.

Ende

Hier endet nun meine Geschichte- und das hat einen sehr positiven Grund. Denn auf Grund des langen Klinikaufenthalts von Februar 02 bis Mai 02 habe ich für mich eine Menge erreicht. Zum ersten Mal habe ich wirklich sehen können, wo ich eigentlich stehe, was ich falsch gemacht habe und was ich ändern muß, damit ich in Zukunft glücklich leben kann.

Daher wird es keinen Teil 6 mehr geben, aber ein Nachwort, sozusagen ein Bericht über den "Ist- Zustand". Ein Bericht darüber, was ich nun für mich verändern konnte, damit ich endlich das finde, was ich immer gesucht habe- mein eigenes Glück und ein zufriedenes Leben. Und das es wirklich klappt- obwohl ich nie daran geglaubt habe.
Das Nachwort stelle ich in den nächsten Tagen online.


zurück

nach oben