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So, nun habe ich ja reichlich
darüber geschrieben, was war und wie mein Leben verlief- aber
was ist heute? Wieso bin ich heute glücklich und kann mein
Leben zufrieden leben? Warum habe ich kein Verlangen mehr mich zu
verletzen?
Warum habe ich nicht mehr den Wunsch, zu sterben? Den Wunsch der
mich so lange in meinem Leben begleitet hat...er ist nicht mehr
da.Vielleicht sollte ich schreiben, was ich denke, früher falsch
gemacht zu haben. Daraus resultiert dann, was ich heute anders mache.
Früher:
Habe ich mich weitesgehend nach anderen Menschen gerichtet und orientiert.
Das ist sicherlich normal bis zu einem bestimmten Alter. Doch spätestens
wenn man in die Pubertät kommt, entfaltet sich eine eigene
Persönlichkeit. Ein eigener Stil. Halt etwas Eigenes. Das war
bei mir nicht der Fall. Egal was ich machte- wie ich meine Haare
trug, mich kleidete, welche Musik ich hörte, welcher Fan ich
von welcher Sportart war, was ich generell gut oder schlecht fand-
das alles machte ich abhängig von meinem Umfeld. Aber auch
immer ganz extrem von meinen Partnern. Ich konnte eigentlich nie
genau sagen, wer ich bin oder was ich wirklich gut fand- das wechselte
nämlich ständig mit der Umgebung bzw. wenn ich einen neuen
Freund hatte.
War der eine Fußballfan, war ich es auch. Trug die beste Freundin
plötzlich nur noch bestimmte Klamotten, machte ich das ebenfalls.
Sagte mein Freund, das die Musik absolut schlecht sei- fand ich
das plötzlich auch. Obwohl ich mehrere CD´s dieser Gruppe
hatte habe ich sie nicht mehr gehört. Fand ich einen Kinofilm
gut, habe ich erstmal die Meinung anderer abgewartet und mich erst
dann geäußert, wenn ich wußte, wie die anderen
denken. Ich könnte noch hunderte von Beispielen aufzählen,
aber ich denke ihr wißt was ich meine.
Was dahinter steckt ist eigentlich ganz einfach: Ich hatte Angst
abgelehnt zu werden. Ich hatte Angst nicht mehr geliebt zu werden.
Und am meisten hatte ich Angst verlassen zu werden. Diese starke
Verlassensangst hatte sich ganz fest in mir verankert. Das war besonders
in Beziehungen zu spüren. Eher habe ich eine Beziehung weiter
ertragen mit allen Konsequenzen, als mich zu trennen und damit wieder
alleine zu sein. Alleine sein war für mich nicht vorstellbar.
Denn dann konnte ich mich doch nicht mehr nach jemanden richten-
ich wußte dann doch nicht mehr was falsch oder richtig- gut
oder schlecht war. Ich brauchte doch jemanden, der mir zeigt, wie
ich leben soll.
Auch habe ich nie wirklich gelernt, nein zu sagen. Ein Kind, was
mißbraucht wurde, durfte nicht nein sagen. Ein Nein hat nichts
bedeutet und ein Kind merkt schnell, das sein Nein- wenn es denn
überhaupt dieses Wort ausspricht- nichts zählt. So habe
ich auch als "Erwachsene" nicht Nein sagen können.
Und wenn, dann war es so, als wenn ich überhaupt nicht dahinterstehen
würde. Also hat es auch da nichts genützt. So habe ich
Dinge über mich ergehen lassen, die mich sehr verletzten und
schlecht für mich waren. Und danach kamen dann Schuldgefühle,
weil ich nicht in der Lage war, vernünftig zu äußern,
was ich wollte und was nicht. Weil mein "Nein" auch da
noch nichts zählte. Und ohne das mir klar war, warum, war ich
wieder in meinen alten Gefühlen gefangen und verletze mich
oder stürzte ab in meine Traurigkeit oder später in meine
Depressionen.
Das waren dann die Gefühlswelten, wo ich nur schlecht wieder
raus kam. War ich "mal wieder" depressiv oder verletzte
mich, zog das ebenfalls Schuldgefühle nach sich- warum konnte
ich nicht einfach nur "normal" sein? Wieso reagierte ich
immer so und nicht anders? Warum, verdammt noch mal, stürze
ich immer wieder so tief ab? Ich haßte mich dafür- und
das ich null Selbstbewußtsein oder Selbstvertrauen hatte brauche
ich hier wohl nicht extra zu erwähnen. Natürlich zog dieses
wiederum die Frage nach sich: Wie kann man einen Menschen wie mich
nur lieben? Das kann nur gelogen sein. Das kann nicht stimmen. Ich
konnte mich selbst nicht lieben, nicht achten. Kann man sich achten,
wenn man seinen Körper selbst versucht zu zerstören? Die
einen verletzen sich, die nächsten nehmen Drogen oder Alkohol
oder verfallen in Eßstörungen. Eigentlich sagt man damit
aus, das man das Leben verneint, das man sich so, wie man ist, nicht
mag, nicht akzeptiert und nicht will. Der Weg ist dabei variabel.
Wenn man sich das geschriebene jetzt also so durchliest, merkt man,
das ich auf Grund meines Kindheitstraumas mein Leben auf eine ganz
bestimmte Weise gelebt habe. Ohne vielleicht zu überprüfen,
ob ich auch anders leben könnte. Ich hatte zuviel Angst davor!
Es waren alleine meine Gedanken, meine Ängste und meine Vorstellung
davon, die mein Leben bestimmt haben.
Was wäre denn passiert, wenn ich meinem Freund gesagt hätte:
Du, Fußball find ich scheiße, wenn du das ständig
gucken willst, dann kauf dir einen eigenen Fernseher und guck im
Schlafzimmer.
Oder: Ich mag diese Musik- und wenn sie in deinen Ohren weh tut,
dann mußt du halt den Raum verlassen.
Oder: Die Klamotten sehen an dir gut aus- aber ich werde mir andere
kaufen.
Hätten mich diese Menschen dann wirklich nicht mehr geliebt?
Hätten sie mich dann wirklich verlassen? Hätte ich tatsächlich
nicht mehr dazugehört, nur weil ich was anderes gut finde?
Das schlimme war, das ich über so viele Jahre meine eigenen
Wünsche und Vorstellungen verdrängt habe, das ich am Ende
gar nicht mehr wußte, was ich eigentlich wollte. Ich hätte
es noch nicht einmal mehr sagen können, selbst wenn ich es
gewollt hätte. Ich habe so lange Zeit nicht authentisch gelebt,
das ich es einfach vergessen habe.
So habe ich beschlossen, erstmal damit anzufangen, zu äußern,
was ich nicht will. Das schien mir einfacher. Denn das konnte ich
in etwa spüren.
Heute:
Wie ich grad schon schrieb, heute kann ich ganz klar sagen, was
ich nicht mehr möchte. Ich weiß noch, das einmal meine
beste Freundin zu mir sagte, das ich mich so verändert habe.
Sie fühlte sich vor den Kopf gestoßen, weil ich plötzlich
Dinge abgelehnt habe, die ich doch sonst immer "gut" fand.
Oder weil ich plötzlich sehr massiv mein "Nein" äußerte-
vielleicht ein wenig zu massiv, aber ich mußte ja erstmal
üben. ;o) Und wer ist dafür nicht besser geeignet, als
die beste Freundin. Zum Glück hat sie verstanden, warum es
diese Veränderung geben mußte und hat es mir nicht übel
genommen- Danke Karin!
Also lernte ich mein "Nein" klar zu äußern-
und auch den Menschen, die mir nahestanden zu zeigen, das ich vielleicht
das ein oder andere Mal eine andere Meinung habe als sie. Und trotzdem
habe ich erfahren, das ich weiterhin gemocht werde.
Ich spüre heute viel mehr in mich hinein. Und wenn ich merke,
das irgendetwas nicht stimmt, versuche ich dem auf den Grund zu
gehen. Dann kann es auch schon mal passieren, das ich eine Verabredung
absage, weil ich Zeit für mich brauche. Früher hätte
ich - natürlich - die Verabredung eingehalten, denn ich wollte
ja nicht, das jemand "böse" auf mich ist. Lieber
habe ich da dann meine negativen Gefühle verdrängt und
bin losgegangen. Mit dem Ergebnis das es mir dann Stunden später
schlecht ging und ich überhaupt nicht mehr wußte, warum
das nun so war....natürlich war ich während einer Verabredung
"gut drauf"- schauspielern hatte ich ja Zeit meines Lebens
gelernt...
Also: besser sofort handeln wenn man spürt, das etwas nicht
in Ordnung ist. Auch wenn man vielleicht nicht immer dahinter kommt,
warum es einem grad schlecht geht- aber es einfach zu verdrängen
ist nicht der richtige Weg.
In meinem Beziehungen: Da habe ich wohl den größten Fortschritt
gemacht. Früher hatte ich Angst vor dem Alleinsein. Ich dachte
ich würde das niemals schaffen- grad als ich auch noch Mutter
von 2 Kindern war. Ich alleine mit 2 Kindern, meiner Arbeit, neuem
Umfeld durch einen Umzug? Nein- unvorstellbar. Und was ist jetzt?
Ich habe es geschafft. Ich lebe mit meinen beiden Kindern sehr glücklich.
Ich habe Dinge machen müssen, die mir sonst vielleicht ein
Partner abgenommen hätte. Heute muß ich da alleine durch.
Das hat mir sehr viel Selbstvertrauen und Selbstbewußtsein
gegeben. Ich habe etwas geschafft und schaffe es immer noch. Ich
bin gar nicht so unfähig wie ich immer dachte- ich brauche
nicht zwangsläufig einen Partner an meiner Seite um mein Leben
zu leben. Ich bin auch ohne Freund glücklich und mache mein
Glück nicht mehr abhängig von einem Partner. Das war für
mich ein großer Schritt. Und wenn ich einen Mann an meiner
Seite habe, dann kann ich ihm heute sagen, was ich will oder nicht.
Was ich brauche oder mir wünsche. Oder das ich einfach alleine
sein möchte. Und ich gehe ganz bewußt das Risiko ein,
das er mich dann vielleicht auch verläßt. Denn wenn er
es aus diesem Grund tut, ist es nur gut. Denn ich will mich nicht
mehr verstellen oder mich einem Partner zuliebe verbiegen. Niemand
sollte das tun! Und ich bin fähig, eine Beziehung zu beenden,
wenn ich merke, das sie mir nicht guttut-weil mich evtl. der andere
einengen möchte oder mir nicht meine Zeit läßt,
die ich brauche, um mich auf etwas neues einzulassen. Auch das ist
mir seit der Trennung von Chris, dem Vater meiner Kinder, schon
zweimal passiert. Und ich lebe immer noch- bin stolz darauf auf
meine Gefühle gehört zu haben.
Was ist wenn Erinnerungen aufkommen an früher, an den Mißbrauch?
Früher habe ich es versucht, zu verdrängen. Dazu kamen
Schamgefühle, Angst, Hass.
Heute lasse ich diesen Gefühlen ihren Platz. Sie haben ihre
Berechtigung. Sie brauchen ab und zu den Raum. Und den bekommen
sie dann auch von mir. Ich versuche sie also nicht mehr zu verdrängen
oder bagatellisieren, sondern sage mir: Dann ist jetzt Trauerzeit.
Und wenn es sein muß, dann weine ich auch. Oder ich denke
an das kleine Kind in mir von damals und nehme in Gedanken seine
Hand und rede mit ihm. Ich sage ihm (und damit auch mir), das es
nichts dafür konnte, und das ich heute soweit bin, das es niemals
wieder passiert. Das ich es beschützen werde und sie immer
zu mir kommen darf, wenn sie das Bedürfnis hat. Und wenn ich
grad nicht kann- z.b. weil ich am arbeiten bin, dann sage ich es
auch. Dann verschiebe ich diese Trauerzeit ein wenig. Aber ich vergeß
es nicht oder verdräng es. Dann kommt es doppelt und dreifach
zurück- das habe ich nun inzwischen gelernt.
All das hört sich vielleicht für einen Außenstehenden
sehr merkwürdig an- vielleicht sogar verrückt. Für
viele, die so etwas nicht erlebt haben, ist es bestimmt nur sehr
schwer nachzuvollziehen, was ich hier schreibe. Aber ich habe so
meinen Weg gefunden.
In der Klinik- letztes Jahr nach meinem Suizidversuch- war ich zum
ersten Mal so, wie ich wirklich war. Am Ende, traurig, verletzt,
erschöpft und lebensmüde. Ich habe dort mein wahres Ich
gezeigt und gemerkt, das ich so sein "darf". Daher war
diese Zeit für mich die wichtigste von allen Therapien. Dort
hatte ich keine Wahl mehr- ich hatte noch nicht mal mehr die Kraft,
mich zu verstellen, selbst wenn ich es gewollt hätte. Und dort
habe ich geübt und gelernt, so zu sein, wie ich wirklich bin.
Ohne das es mir direkt bewußt war. Heute sind mir einfach
viele Zusammenhänge klarer und sehe auch meine Fehler, die
ich gemacht habe. Ich habe sie nicht gemacht, weil ich sie machen
wollte, sondern weil ich es nicht besser konnte. Und daher habe
ich mir viele "Fallen" selbst gebaut. Heute kann ich anders-
ich habe die Wahl. Und mit der Wahl, die ich nun für mich getroffen
habe, bin ich sehr glücklich.
Und die Dinge, die mir heute noch schwer fallen, werde ich bestimmt
auch noch lernen. Das gilt besonders für Beziehungen. Natürlich
habe ich Angst davor, das es wieder so sein wird wie früher.
Das ich mich wieder abhängig mache von einem anderen Menschen.
Daher bin ich auch zur Zeit noch sehr extrem in meinen Vorstellungen.
Besser gar keine Beziehung als Gefahr zu laufen, wieder in die alten
Verhaltensmuster zu fallen. Oder eine Beziehung mit möglichst
viel Distanz und Kontrolle über meine Gefühle. Das kann
natürlich auch nicht richtig sein auf die Dauer- aber Gut Ding
braucht Zeit. Und diese nehme ich mir.
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